Dr. Wolfgang Hevert-Preis 2012 geht an Dr. Karin Redlich für ihre Doktorarbeit:

Über die Wirkung von Lehmpackungen auf die Lebensqualität und die Stauungsbeschwerden bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz

Mit dem Dr. Wolfgang Hevert-Preis, der 2006 zum ersten Mal von der Hevert-Arzneimittel GmbH & Co. KG ausgelobt wurde, werden wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Ganzheitsmedizin ausgezeichnet. Eine unabhängige Jury übernimmt dabei die Sichtung der eingereichten Arbeiten. 2012 entschieden sich die Juroren, Frau Prof. Dr. med. Karin Kraft von der Universität Rostock, Herr Prof Dr. med. Andreas Michalsen von der Charité in Berlin und Herr Dr. med. Rainer Matejka, Facharzt für Allgemeinmedizin – Naturheilverfahren aus Kassel-Bad Wilhelmshöhe, für die Doktorarbeit von Karin Redlich mit dem Titel „Über die Wirkung von Lehmpackungen auf die Lebensqualität und die Stauungsbeschwerden bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz (CVI)“. In ihrer Begründung würdigten die Juroren ‚die fundierte wissenschaftliche Arbeit aus der klassischen Naturheilkunde‘ (Dr. Matejka), ‚die Tatsache, dass sie entgegen des immer noch unterschätzten Stellenwerts der Naturheilkunde in der Schulmedizin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a.M. am Institut für Allgemeinmedizin entstanden ist‘ (Prof. Kraft) und ‚dass sich Frau Dr. Redlich mit der CVI an ein Krankheitsbild gewagt hat, bei dem gerade die Schulmedizin an Grenzen stößt‘ (Prof. Michalsen). Ausdrücklich gewürdigt wurden das klare Studiendesign und die fundierte wissenschaftliche Ausarbeitung, die zeige, dass die Naturheilkunde nicht nur Erfahrungsmedizin, sondern auch ein Wissenschaftsgebiet ist. Überreicht wurde der Dr. Wolfgang Hevert-Preis, der mit 5.000 Euro dotiert ist, durch Mathias und Marcus Hevert. Besonders erfreut zeigte sich der geschäftsführende Gesellschafter Mathias Hevert über die Wahl einer Arbeit, die so nah an der Tradition der Lehmkuren von Pastor Felke liege. Gerade in der heutigen Zeit der chemischen Medizin sei es immer schwieriger, gegenüber Behörden oder auch der Politik Erfahrungsheilkunde zu kommunizieren. Auch unter diesem Aspekt seien wissenschaftliche Arbeiten zur Naturheilkunde wichtig.

Präsentation der von Dr. Karin Redlich aus Lindau, Bodensee, vorgelegten Doktorarbeit, die am Institut für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main entstanden ist:

Thema

Über die Wirkung von Lehmpackungen auf die Lebensqualität und die Stauungsbeschwerden bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz

Zusammenfassung

In Deutschland leiden 10-15 Millionen Bürger an einer manifesten chronisch venösen Insuffizienz (CVI). Unter CVI versteht man Haut- und/oder Venenveränderungen im Bereich der unteren Extremität, die zu einem Rückstau des venösen Blutes führen und mit teils massiven Beeinträchtigungen der Lebensqualität einhergehen. Die Behandlungsmethoden sind vielfältig: Neben den operativen, endovaskulären und medikamentösen Maßnahmen werden auch physikalische Behandlungen (z.B. Kompression, Hydrotherapie) eingesetzt, deren Wirksamkeit bereits durch evidente Studien belegt ist. Wie es sich jedoch in diesem Zusammenhang mit der Wirksamkeit kalter Lehmpackungen bei CVI darstellt, ist bis dato nicht erforscht. Vor diesem Hintergrund hat sich die im Folgenden beschriebene Doktorarbeit mit der Fragestellung beschäftigt, wie kalte Lehmpackungen auf die Beine die Lebensqualität und die Stauungsbeschwerden bei symptomatischer CVI beeinflussen. Nebenziele der Studie waren die subjektiven Parameter Schmerzen, Schweregefühl und Juckreiz in den Beinen sowie die objektiv messbaren Parameter Waden- und Knöchelumfang, transkutaner Sauerstoffpartialdruck und die venöse Wiederauffüllzeit. Die Fragestellung wurde in einer randomisierten, kontrollierten Studie mit 66 Probanden mit leichter bis mittelgradiger CVI beantwortet. Sechs Anwendungen mit Lehmpackungen innerhalb von drei bis vier Wochen verbesserten die Lebensqualität und verminderten die Stauungsproblematik signifikant.

Schlüsselwörter

Chronisch venöse Insuffizienz, Lehmpackung, Lebensqualität, Stauungsbeschwerden
Der Begriff chronisch venöse Insuffizienz (CVI) wird mit Widmer in Verbindung gebracht, der eine dreistufige Graduierung eingeführt hat. Unter CVI versteht man Haut- und/oder Venenveränderungen im Bereich des distalen Unterschenkels und Fußes. Pathophysiologische Grundlage ist eine gestörte Hämodynamik infolge insuffizienter Venenklappen und anderer am Rückfluss des Blutes zum Herzen beteiligter Mechanismen.

Über 90 % der Bevölkerung weisen Venenveränderungen auf.

In der Bonner Venenstudie7, die von November 2000 bis März 2002 an einer Bevölkerungsstichprobe aus dem Raum Bonn durchgeführt wurde, waren insgesamt 3.072 Probanden im Alter zwischen 18 und 79 Jahren eingeschlossen. Sie hatten einen standardisierten Fragebogen erhalten und wurden klinisch und duplexsonografisch untersucht. Dabei zeigte sich, dass lediglich 9,6 % der Probanden keinerlei Venenveränderung nach der CEAP Klassifikation aufwiesen. Da es sich bei der Venenstudie um eine repräsentative, epidemiologische Untersuchung handelte, kann daraus gefolgert werden, dass über 90 % der Bevölkerung Venenprobleme aufweisen, von welchen in Deutschland wiederum 10 bis 15 Millionen Menschen unter einer manifesten CVI leiden. Die dadurch entstehenden direkten und indirekten Kosten für die Volkswirtschaft erreichen mehrstellige Millionenbeträge.

Die CVI wird über die unspezifischere Einteilung nach Widmer von Grad 1 (Vorhandensein von Besenreisern ohne Beschwerden) bis Grad 3 (Vorhandensein von Krampfadern mit ausgeprägten Beschwerden und Komplikationen) klassifiziert oder über das umfassende und international gültige CEAP-Klassifikationssystem, das verschiedene klinische Erscheinungs-Schweregrade (C0 bis C6) vorsieht. Neben klinischen Zeichen werden auch die Ätiologie in primäre und sekundäre Varikose, die anatomische Verteilung sowie pathophysiologische Bedingungen berücksichtigt. Diese Einteilung ermöglicht es, dem Patienten einen Schweregrad zuordnen zu können, und ihn damit einer stadiengerechten Therapie zuzuführen.

Das Potenzial physikalischer Therapiemaßnahmen

Physikalische Therapieformen sind nebenwirkungslose- bzw. -arme und kostengünstige Behandlungsmaßnahmen, welche den Patienten aktiv in den Therapieprozess miteinbeziehen. Ziel der physikalischen Therapiemaßnahmen ist zum einen eine Verbesserung der Hämodynamik und zum anderen eine Verbesserung der subjektiv empfundenen Lebensqualität. Für viele physikalische Verfahren ist mittlerweile auch eine klinische Wirksamkeit belegt: Evidenz besteht zum Beispiel für Schmerz- und Juckreizlinderung, Milderung des Schwere- und Spannungsgefühls in den Beinen und für die Verbesserung der Mikro- und Makrozirkulation. Zum klinischen Nutzen kalter Lehmpackungen (Peloide), wie sie in Kurbädern in Bad Sobernheim und Bad Camberg angewandt werden, gab es bislang hauptsächlich gute klinische Erfahrungsberichte, aber keine wissenschaftlichen Untersuchungen.

Unter Peloiden versteht man „natürliche anorganische und organische Stoffe bzw. Stoffgemische (...), die in Form von Schlamm- oder breiigen Bädern und Packungen therapeutisch verwendet werden“2. Bei der Anwendung als Packung im Bereich der Beine, wird der Lehm auf die Haut aufgetragen und mit insgesamt drei Tuchlagen eingewickelt. Erfahrungsberichte bezeugen eine gute Wirksamkeit bei Venenleiden.1, 3-6 Ihre Wirkung erklärt sich zum einen durch den Kältereiz und den Eigendruck der feuchten Lehmmasse, wodurch es in Folge zu einer Vasokonstriktion und einer Tonusabnahme der Muskulatur im behandelnden Gebiet kommt. Weiterhin kommt es zu einer Erwärmung tieferliegender Gewebeabschnitte durch den äußeren Abschluss. Zum anderen setzt sich der Körper unter der Lehmbehandlung mit dessen mineralisch-chemischer Wirkung auseinander. Beim Trocknungsvorgang entstehen Sorptionskräfte mit einem von innen nach außen gerichteten Flüssigkeitsstrom, welcher eine Reduktion überschüssiger Gewebeflüssigkeit bewirkt. Es kommt zur Stoffwechselanregung, einer verbesserten Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen sowie zur Aufnahme und Elimination von Hautsekreten und Stoffwechselendprodukten.

Die Fragestellung der Studie

In der vorliegenden Studie wurde untersucht, wie kalte Lehmpackungen bei CVI wirken. Als Hauptzielgröße wurde die Veränderung der Lebensqualität festgelegt. Nebenzielgrößen der Studie waren die subjektiven Parameter Schmerzen, Schweregefühl und Juckreiz in den Beinen sowie die messbaren Parameter Waden- und Knöchelumfang, transkutaner Sauerstoffpartialdruck und venöse Wiederauffüllzeit.

Der Studienaufbau

Die randomisierte, kontrollierte Therapiestudie schloss 66 Probanden (57 Frauen und 9 Männer) im Alter von 45 bis 85 Jahren ein. In der Eingangsuntersuchung wurden Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht, BMI, CVI-typische Beschwerden, phlebologische Anamnese, Bewegungsverhalten, Anzahl der Schwangerschaften, Manifestationsalter, Tätigkeit, Allergien, Einnahme von Medikamenten, Vor- und Begleiterkrankungen sowie Vor- und Begleittherapien festgehalten. Ebenso wurde die erreichte Punktzahl über den Venenfragebogen der DGP festgehalten. Die Datenerhebung mittels Fragebogen bzw. visueller Analogskala und die Messungen erfolgten unmittelbar vor Beginn, nach Ende und drei Monate nach Abschluss der Behandlung. Die Therapiegruppe erhielt über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen insgesamt sechs kalte Lehmpackungen auf beide Beine. Nach Beendigung der Prüfphase, die sich für alle Patienten vom Zeitpunkt der Aufnahme in die Studie bis zu deren Beendigung nach drei Monaten erstreckt, erhielten auch die Patienten der Kontrollgruppe dieselbe Behandlung wie die Patienten der Therapiegruppe; die diesbezüglich erhobenen Daten werden jedoch in vorliegender Studie nicht berücksichtigt.

Die Behandlung

Für die Behandlung wurde die Lehmmasse auf die Haut aufgetragen – ob kleinfinger- oder messerrückendick richtet sich nach der Größe des zu behandelnden Hautareals. Je größer die zu behandelnde Fläche, umso dünner wird der Lehm aufgetragen. Mit dieser Maßnahme soll verhindert werden, dass die Stressreaktion durch den Kältereiz und die Auseinandersetzung mit dessen mineralisch-chemischer Wirkung auf den Körper zu groß wird. Außerdem würde bis zur Bildung körpereigener Wärme und somit dem Trocknungsprozess nur unnötig viel Zeit verstreichen. Die Lehmauflage wurde mit drei Lagen Stoff umwickelt und verblieb zum Trocknen etwa eine Stunde lang auf der Haut. Danach wurde der Lehm mit klarem Wasser im indifferenten Temperaturbereich (32°C bis 35°C) abgespült.

Datenerhebung

Hauptinstrument der Datenerhebung war der SF-36 Fragebogen zum Gesundheitszustand. Als krankheitsübergreifendes Messinstrument erfasst er die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Patienten. Die subjektiven Parameter, Schmerz, Schweregefühl und Juckreiz sowie die Lebensqualität als Globalmaß wurden zusätzlich mit Hilfe einer visuellen Analogskala von 0 bis 10 erfasst. Außerdem erfolgte die Messung des Waden- bzw. Knöchelumfangs mit einem Maßband, um eine potenzielle entwässernde Wirkung festzustellen; der Sauerstoffpartialdruck wurde transkutan mit dem pO2 Monitor TM 300 gemessen, um die mikrozirkulatorische Wirkung der Behandlung zu dokumentieren und schließlich sollte die venöse Wiederauffüllzeit mit Hilfe der Licht-Reflexions-Rheografie Auskunft geben über einen möglichen Einfluss auf die Makrozirkulation.

Ergebnis

Nach erfolgter Lehmbehandlung kam es in der Therapiegruppe bei allen subjektiven Parametern, wie sie im SF-36-Fragebogen erfragt wurden, ebenso wie bei den über die visuelle Analogskala erhobenen Beschwerden Schmerzen, Schweregefühl und Juckreiz zu signifikanten Verbesserungen, die nach drei Monaten eine Tendenz in Richtung Ausgangswerte zeigten, ohne jedoch diesen zu erreichen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Behandlung durchaus einen nachhaltigen Effekt hat. Bei einer differenzierten Betrachtung der SF-36 Ergebnisse und deren Aufteilung in Selbstwahrnehmung der physischen und psychischen Gesundheit, fällt auf, dass Verbesserungen hauptsächlich im körperlichen Bereich stattfinden; die Werte für die psychische Gesundheit erreichen zwar ebenfalls ein Signifikanzniveau, jedoch weniger stark ausgeprägt. Insgesamt beweisen die Studienergebnisse: Lehmpackungen haben einen positiven Effekt auf die Lebensqualität und die subjektiv empfundenen Beschwerden bei Patienten mit symptomatischer chronisch venöser Insuffizienz.

Bei den objektiven Messparametern zeigten sich tendenzielle Verbesserungen, die jedoch nicht signifikant waren. So nahm der Knöchelumfang links kontinuierlich ab und lag auch drei Monate nach Therapieende noch unter dem Ausgangswert. Beim rechten Knöchelumfang kam es zu einer ähnlichen, aber weniger ausgeprägten Abnahme. Beim Wadenumfang des rechten und des linken Beins wurde eine geringfügige Abnahme am Ende der Behandlung beobachtet, jedoch nahm der Umfang drei Monate nach Ende der Therapie zu und überstieg den Ausgangswert.

Ein ähnlicher Verlauf wurde beim Sauerstoffpartialdruck sichtbar, der sich unmittelbar nach der Behandlung verbessert hatte, aber drei Monate später unter das Ausgangsniveau gefallen war. Als Ergebnis der Therapie verlängerte sich die venöse Wiederauffüllzeit im linken Bein mit einer Tendenz nach drei Monaten in Richtung Ausgangswert. Die venöse Wiederauffüllzeit rechts zeigte nach Therapieende zunächst sogar eine Verschlechterung, lag allerdings nach drei Monaten wieder über dem Ausgangswert.

Schlussfolgerung

Kalte Lehmpackungen führen zur Verbesserung der Lebensqualität und der Stauungsbeschwerden bei Patienten mit chronisch venöser Insuffizienz, ohne dabei Nebenwirkungen zu verursachen. Die Auswirkungen dieser physikalischen Therapie auf die Mikro- und Makrozirkulation ließen sich im Rahmen dieser Studie nicht eindeutig belegen. Mögliche Erklärungen dafür können die begrenzte Studiendauer, die kleine Studienpopulation und die verwendeten Messmethoden sein.

Die Dissertation ist einzusehen unter:publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/24207/Redlich_Dissertation_2011_ohne_CV.pdf Dr. Karin Redlich


Quellen:

1 Bachem M. Der Lehmdoktor. Möller, Berlin 1953

2 Beer AM, Lukanov J. Möglichkeiten und Grenzen der Balneotherapie am Beispiel der Moortherapie. NaturaMed 2007; 22(8): 31-36

3 Gündling PW. Der Bad Camberger Lehm. Bad Camberger Kurzeitung 1997; 24 (9): 2-3

4 Gündling PW. Natürliche Hilfen bei Venenleiden. Naturarzt 1991; 131 (4): 120-127

5 Jung H, Meyer E. Heilerde – Anwendung und Wirkung. Hippokrates, Stuttgart 1957

6 Olesch B. Heilerde in der naturheilkundlichen Behandlung chronischer Venenerkrankungen, Naura-med 1994; 9: 22-25

7 Rabe E, Pannier-Fischer F, Bromen K, Schuldt K, Stang A et al. Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie 2003;
32: 1-14

www.eurocom-info.de/fileadmin/user_upload/Dokumente_eurocom/pdf_Dokumente_eurocom/Bonner_Venenstudie.pdf

Hevert wurde von der Wirtschaftszeitschrift Capital als innovativstes Unternehmen Deutschlands 2021 ausgezeichnet.
Mehr erfahren



Diese Website verwendet Cookies. Indem Sie diese Website benutzen, stimmen Sie der Nutzung von Cookies gemäß unseren Richtlinien zu. Mehr Informationen OK