Oxidativer Stress und Antioxidantien bei onkologischen Erkrankungen

Die Fachkreisreihe „Chronisch entzündliche Erkrankungen und oxidativer Stress“ beleuchtet heute das Thema Krebserkrankungen. Ebenso wie bei den bisher vorgestellten Themen Arteriosklerose und neurodegenerative Erkrankungen spielen auch bei der Pathogenese und dem Verlauf maligner Erkrankungen oxidativer Stress und inflammatorische Prozesse eine wichtige Rolle. Der Einsatz von Antioxidantien scheint vielfach günstige Wirkungen zu zeigen, muss aber noch weiter erforscht werden.

Krebserkrankungen sind in Deutschland mit ca. 230.000 Todesfällen pro Jahr nach Herz-Kreislaufkrankheiten die zweithäufigste Todesursache. Die derzeit häufigste Krebserkrankung bei Männern ist Prostatakrebs, gefolgt von Lungen- und Darmkrebs; bei Frauen Brustkrebs, gefolgt von Darm- und Lungenkrebs. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 492.000 Menschen neu an Krebs (1). Für das Jahr 2020 sagen Fachleute einen Anstieg auf über 500.000 Krebsneuerkrankungen voraus (2).

Insgesamt lebt heute mehr als die Hälfte aller Krebspatienten noch fünf Jahre nach der Diagnosestellung (2). Dabei hängt das Überleben wesentlich vom Faktor Zeit ab: Je früher eine Krebserkrankung erkannt und qualifiziert behandelt wird, desto größer ist die Aussicht auf Heilung (1).

Akute Beschwerden und Spätfolgen bei Krebserkrankungen

Eine Krebserkrankung kann sich in zahlreichen Beschwerden äußern, z. B. als chronische Magen-, Darm- oder Schluckbeschwerden, unklare Schmerzen, Blässe, Blutarmut und Leistungsminderung, chronischer Husten mit blutigem Auswurf oder unklarer Gewichtsverlust (3).

Darüber hinaus können sich körperliche, seelische und soziale Spätfolgen von Krebserkrankungen sowie Beschwerden im Zusammenhang mit der Krebstherapie zeigen, z. B. Herz-, Lungen- und Nierenschäden, Lymphödeme, Nebenwirkungen an Haut, Schleimhaut und Zähnen, chronische Erschöpfung (Fatigue) oder Nervenschäden (Neuropathie) (2).

Diagnose- und Therapieoptionen

Im Rahmen der ärztlichen Diagnose kommen neben einer ausführlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung vor allem Blutuntersuchungen mit Bestimmung von Tumormarkern, bildgebende Verfahren wie Röntgen, Sonografie, CT, MRT und Skelettszintigrafie sowie die Analyse von Biopsien zum Einsatz (3). Zu den leitliniengerechten schulmedizinischen Therapieoptionen bei Krebserkrankungen gehören – je nach Diagnose und Stadium - die Strahlentherapie, Chemotherapie, Operation, zielgerichtete bspw. immunologische Therapien sowie die Stammzelltransplantation (4).

Ergänzend zur konventionellen Medizin kann bei Krebserkrankungen die Komplementärmedizin eingesetzt werden. Ihr Ziel ist es, unerwünschte Nebenwirkungen der klassischen Medizin zu lindern, die Therapie dadurch verträglicher zu gestalten und somit vor allem die Lebensqualität zu verbessern. Zum Einsatz kommen vor allem pflanzliche Präparate, sekundäre Pflanzenstoffe sowie bestimmte Ernährungsempfehlungen (Auswahl von Nahrungsmitteln, Nahrungsergänzungsmittel und Zubereitungsformen).

Oxidativer Stress und Krebs

Unter den vielen Faktoren, die Krebs verursachen, ist oxidativer Stress eines der wichtigsten und am besten untersuchten Ereignisse, welches die Entstehung und das Fortschreiten von Tumoren begünstigt. Oxidativer Stress bedeutet ein Ungleichgewicht zwischen der Produktion und Elimination reaktiver Sauerstoffspezies (ROS). Die Prozesse von oxidativem Stress und chronischer Entzündung sind eng miteinander gekoppelt und führen zu genetischen/epigenetischen Veränderungen, die die Karzinogenese vorantreiben. ROS können die Karzinogenese fördern, indem sie pro-onkogene Signalwege und DNA-Mutationen induzieren sowie Zellproliferation und Tumorprogression fördern (5). Antioxidantien hindern freie Radikale daran, Schäden zu verursachen und lassen sich in enzymatische und nicht-enzymatische Antioxidantien einteilen. Zu den wichtigsten enzymatischen Antioxidantien zählen die Katalase, Superoxid-Dismutase und Glutathionperoxidasen. Flavonoide, Alkaloide, Cumarine, Carotinoide und Vitamine wie E, A, C (Ascorbinsäure) und D3 sind einige der wichtigsten nicht-enzymatischen Antioxidantien, die normalerweise in zahlreichen Naturprodukten vorhanden sind (5).

Viele Studien haben belegt, dass Antioxidantien bei der Krebsbehandlung nützlich sein können. Beispielsweise konnte in der Breast Cancer Survival-Studie gezeigt werden, dass die Einnahme von Multivitaminen oder Vitaminen wie C und E innerhalb von 6 Monaten nach der Brustkrebsdiagnose mit einer 18 Prozent verringerten Mortalität und einer 22 Prozent verringerten Rezidivrate verbunden war. Die Autoren der Beobachtungsstudie schlossen daraus, dass nicht generell von der Einnahme von (Multi-)Vitaminpräparaten für Krebspatienten abgeraten werden sollte (6).

Auf der anderen Seite gibt es Hinweise, dass die hochdosierte Gabe von Antioxidantien die Wirkung einer Chemotherapie oder einer Strahlentherapie beeinträchtigen oder Wechselwirkungen mit einigen Krebsmedikamenten verursachen kann (2). Um diesen Sachverhalt endgültig zu beurteilen sind noch weitere Studien notwendig.

Antioxidantien in der Komplementärmedizin

In der Komplementärmedizin werden zur Stärkung des Immunsystems und zur Verringerung des oxidativen Stresses unter anderem Curcumin, Sulforaphan, Coenzym Q10, Vitamin C, Omega 3, Vitamin D, B-Vitamine, Ingwer, Anthocyane und Selen eingesetzt.

Das in der Gelbwurzel Kurkuma enthaltene Curcumin ist ein aktives Polyphenol und wirkt antioxidativ sowie antiinflammatorisch (7). Tierexperimentelle Studien deuten auch auf anticancerogene Wirkungen hin, weshalb erste klinische Untersuchungen durchgeführt wurden (8). In zwei kleinen placebokontrollierten klinischen Studien zeigten Patienten mit oraler präcanceröser Läsion, die Curcumin einnahmen, weniger Schmerzen sowie einen Rückgang der Läsionsgröße (9, 10). In einer anderen Studie besserte sich bei Patienten mit Prostatakarzinom unter Strahlentherapie der oxidative Status bei gleichzeitiger Curcumineinnahme signifikant gegenüber dem der Placebogruppe (11). Eine klinische Relevanz kann daraus jedoch bislang nicht abgeleitet werden.

Erste vielversprechende Ergebnisse zeigten sich auch für das Isothiocyanat Sulforaphan (SNF). Experimentelle Studien ergaben eine krebsvorbeugende und therapeutische Wirkung bei verschiedenen Tumorentitäten (12). Ein Review aus dem Jahre 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass SFN bei gesunden Probanden, Frauen mit Brustkrebs und Männern mit rezidivierendem Prostatakrebs gut verträglich ist und keine signifikanten unerwünschten Wirkungen verursacht (13). In einer kleinen Pilotstudie zum hochdosierten Einsatz von SFN bei Patienten mit metastasiertem duktalem Pankreaskarzinom unter palliativer Chemotherapie konnten erste Ergebnisse zur Verträglichkeit von SFN gewonnen werden. Auch zeigte sich ein nicht signifikanter Trend hinsichtlich einer verbesserten Überlebensrate innerhalb der ersten 6 Monate. Weitere groß angelegte Studien werden folgen müssen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten (14).

Auch wenn noch weitere Studien für die tiefergehende Beurteilung der Wirksamkeit verschiedener Pflanzen- und Mikronährstoffe zur Vorbeugung und Therapie von Krebserkrankungen nötig sind, ist ihr möglicher Einsatz als natürliche Therapieergänzung im Rahmen einer komplementären Therapie spannend und vielversprechend. Krebspatienten sollten die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln immer mit dem behandelnden Onkologen abstimmen.

Quellen:

  1. Bundeministerium für Gesundheit: Krebs. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/krebs.html
  2. Deutsches Krebsforschungszentrum
    • Krebsstatistiken: So häufig ist Krebs in Deutschland. https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/grundlagen/krebsstatistiken.php
    • Langzeitüberleben: Wie mit Spätfolgen von Krebs umgehen? https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/alltag/survivors-krebs-ueberleben.php
    • Recherche des Monats: Antioxidantien und malignes Melanom. https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/2020/fk09-antioxidantien-beim-melanom.php
  3. Qualitätskliniken.de: Das Rehaportal. Krebs. https://www.qualitaetskliniken.de/erkrankungen/krebs/
  4. ONKO-Internetportal: Therapieformen bei Krebs. https://www.krebsgesellschaft.de/basis-informationen-krebs/therapieformen.html
  5. Asadi-Samani M et al. Antioxidants as a Double-Edged Sword in the Treatment of Cancer. Published: April 1st 2019. DOI: 10.5772/intechopen.85468
  6. Nechuta S et al. Vitamin supplement use during breast cancer treatment and survival: A prospective cohort study. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2011; DOI: 10.1158/1055-9965.EPI-10-1072 .
  7. Toden S et al. The Holy Grail of Curcumin and its Efficacy in Various Diseases: Is Bioavailability Truly a Big Concern? J Restor Med. 2017 DOI: 10.14200/jrm.2017.6.0101
  8. Schmidt KT et al. The potential role of curcumin in prostate cancer: the importance of optimizing pharmacokinetics in clinical studies Transl Cancer Res. 2016 Nov; DOI: 10.21037/tcr.2016.11.04
  9. Kuriakose MA et al. „A Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Phase IIB Trial of Curcumin in Oral Leukoplakia“. Cancer Prev Res (Phila). 2016; DOI: 10.1158/1940-6207
  10. Hazarey, Vinay K et al. “Efficacy of curcumin in the treatment for oral submucous fibrosis – A randomized clinical trial.” J Oral Maxillofac Pathol. 2015; DOI: 10.4103/0973-029X.164524
  11. Hejazi J et al. Effect of Curcumin Supplementation During Radiotherapy on Oxidative Status of Patients with Prostate Cancer: A Double Blinded, Randomized, Placebo-Controlled Study. Nutr Cancer. 2016; DOI: 10.1080/01635581.2016.1115527
  12. Herr. Der Krebs isst mit-Ernährung und Tumorchirurgie. ISSN 2194-5578
  13. Jiang X et al. Chemopreventive activity of sulforaphane. Drug Des Devel Ther 2018 Sep 11; DOI: 10.2147/DDDT.S100534
  14. Lozanovski VJ et al. Broccoli sprout supplementation in patients with advanced pancreatic cancer is difficult despite positive effects—results from the POUDER pilot study. Investigational New Drugs volume 38, 2020. DOI: 10.1186/1745-6215-15-204

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