Vitamin D: Viel spricht für die tägliche und ausreichend hohe Substitution

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten wird das Sonnen-Vitamin D intensiv erforscht. Die Erkenntnis, dass nahezu alle kernhaltigen Körperzellen Vitamin D-Rezeptoren besitzen, hat das Interesse geweckt. Unbestritten ist heute: Das Potenzial von Vitamin D geht weit über den Schutz der Knochengesundheit hinaus. In welchen Dosierungen es zur Therapie und Prävention zahlreicher Erkrankungen genutzt werden kann, darüber gehen die Meinungen und vor allem die Empfehlungen auseinander.

In den vergangenen Jahren wurden die Obergrenzen für die Vitamin D3-Substitution aufgrund von Studienergebnissen immer wieder nach oben korrigiert. Zuletzt geschah dies 2012 durch die Europäische Zulassungsbehörde für Lebensmittelsicherheit (efsa), die mit 2.000 IE pro Tag für Kinder und 4.000 IE pro Tag für Erwachsene die Obergrenze für die Vitamin D3-Substitution deutlich nach oben setzte. Und selbst das Institute of Medicine in den USA erkennt in seiner als konservativ einzustufenden Leitlinie von 2010 die Sicherheit von Vitamin D in der Dosierung von 4000 IE pro Tag an. Wissenschaftliche Ergebnisse legen nahe, dass sogar tägliche Gaben von bis zu 10.000 IE sicher sind.

Schätzungsweise eine Milliarde Menschen weltweit sind ungenügend mit Vitamin D versorgt.(37) Bezogen auf einen Grenzwert von 50 nmol/l 25-OH-Vitamin D3 im Serum hat mehr als die Hälfte aller Bundesbürger einen Vitamin D-Mangel. Niedrige Vitamin D3-Serumkonzentrationen gefährden nicht nur die Knochengesundheit, sondern werden mit zahlreichen akuten und chronischen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Dazu gehören basierend auf Beobachtungsstudien: Arthritis, Asthma, entzündliche Darmerkrankungen, Depression, Diabetes, Emphyseme, Fibromyalgie, Herzinsuffizienz, Hypertonie, Infektionskrankheiten wie Grippe und Lungenentzündung, verschiedene Karzinomarten, vor allem kolorektale Karzinome, kognitive Beeinträchtigungen, Koronararterienerkrankung, Multiple Sklerose, Muskelschwäche, Parkinsonsche Krankheit, Psoriasis, Übergewicht und Unfruchtbarkeit.

Eine ausreichende Vitamin D-Versorgung hat umfassende protektive Effekte, so das Fazit aus zahlreichen Studien. Vitamin D3 ist gegen bakterielle und virale Infektionen wirksam, bietet Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verbessert die Insulinresistenz, hemmt überschießende Immunreaktionen und reduziert das Risiko, Multiple Sklerose zu entwickeln. Es gibt Hinweise, dass es vor Demenz, neurokognitiven Störungen und Depression schützt. Vitamin D3 beugt Krebserkrankungen vor, hemmt bei bestehenden Tumorerkrankungen das Tumorwachstum und schwächt die Bildung von Rezidiven und Metastasen ab.

Uneinheitliche Empfehlungen

Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften sind sich uneinig, wie hoch die Supplementierung mit Vitamin D3 sein soll. Sie warten auf „harte“ Daten, auf Studien, die dem Goldstandard entsprechen, d. h. randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte klinische Studien. Bis dahin halten sie sich in ihren Empfehlungen zurück. 2010 hat das Institute of Medicine für Amerika und Kanada die empfohlene tägliche Vitamin D3-Zufuhr für Kinder und Erwachsene auf 600 IE erhöht. Als Obergrenze für eine Vitamin D3-Verabreichung ohne mögliche unerwünschte Wirkungen werden 4000 IE angegeben.(8) Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt seit 2012 die Zufuhr von täglich 800 IE Vitamin D3.(7) Viele Wissenschaftler kritisieren die Empfehlungen. Sie seien zu niedrig und berücksichtigten nicht die neuesten Forschungsergebnisse zu Vitamin D3.(37) Ebenfalls 2012 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (efsa) die Obergrenze für Vitamin D auf 2000 IE für Kinder und 4000 IE für Jugendliche und Erwachsene festgelegt.(16) Mittlerweile werden mehrere große Studien durchgeführt: So geht beispielsweise die doppelblinde, placebokontrollierte D2d-Studie (Vitamin D and Type 2 diabetes) der Frage nach, ob die tägliche Gabe von 4000 IE den Übergang von Prädiabetes auf Diabetes mellitus Typ 2 verhindern kann, und die Vital-Studie (Vitamin D and Omega-3 Trial) untersucht die Wirkung einer täglichen Dosis von 2000 IE Vitamin D über fünf Jahre. Die Endpunkte dieser Studie sind Krebs- und Herzerkrankungen.(38)

Für Intervention wichtig: Die Vitamin D3-Plasmakonzentration

In ihrer Studie zur Dosierung und dem Einnahmemodus von Vitamin D3 weist die Arbeitsgruppe um YS Chao (2013) darauf hin, dass die Höhe der Vitamin D-Zufuhr noch nichts über den gesundheitlichen Nutzen aussagt. Wichtig für die Vitamin D3-Supplementierung sei die erzielte Verbesserung des Vitamin D3-Status. Die Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen der Vitamin D3-Supplementierung und dem 25-OH-D-Plasmaspiegel sei der Schlüssel zum Verständnis einer Intervention.(6) Wie eine kanadische Studie mit 2.714 Probanden zeigte, erhöhte eine Dosierung von 3.000 bis 4.000 IE Vitamin D3 täglich über den Zeitraum von einem Monat den Vitamin D3-Plasmaspiegel um 13,19 nmol/l (95% CI: 9,02-17,36) und bei 5.000 und mehr IE täglich um 30,22 nmol/l (95% CI: 26,86-33,59).(15) Dabei zeigten Dosierung und Einnahmehäufigkeit eine deutlichere Wirkung auf die Verbesserung des Vitamin D3-Status als die Dauer der Einnahme.(15) Der Beitrag von RP Heaney stellt fest, dass pro 100 IE Vitamin D der 25-OH-D-Spiegel um 2,5 nmol/l ansteigt und dass eine Zufuhr bis zu 10.000 IE Vitamin D3 täglich sicher sei.(15)

Für alle nicht-skelettalen Effekte – täglich hochdosierte Vitamin D3-Zufuhr

Die bisherigen Studien zur Substitution von Vitamin D wurden mit den unterschiedlichsten Einnahmemodi durchgeführt: von der täglichen, über die wöchentliche und monatliche Verabreichung bis hin zur jährlichen Gabe. Der renommierte Vitamin D-Forscher Prof. Dr. BW Hollis erklärt die Überlegenheit der täglichen Vitamin D-Gabe gegenüber der wöchentlichen oder monatlichen Einnahme mit der parakrinen und autokrinen Verstoffwechselung von Vitamin D3. Im Unterschied zum endokrinen System, das sich hauptsächlich auf die Calcium-Homöostase und die Knochengesundheit auswirke, sorge das parakrine und autokrine System für die direkte Diffusion von Vitamin D3 ins Gewebe und in die Zellen.(31) Aufgrund der geringen Halbwertszeit des Provitamins 25-OH-D von 24 Stunden und des Calcitriol [1,25 (OH)2D3] von zwei Stunden stehe dem Gewebe und den Zellen auch nach einer hochdosierten Einmalgabe nach wenigen Tagen nicht mehr ausreichend Vitamin D zur Verfügung. Dies erklärt laut Hollis auch, warum Vitamin D-Studien zu ein und demselben Krankheitsbild zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen konnten. So hatte beispielsweise die monatliche Hochdosisgabe von Vitamin D (200.000 IE zu Studienbeginn, 200.000 IE nach vier Wochen und 100.000 IE nach weiteren vier Wochen) in der Studie von DR Murdoch et al. (2012) keine Wirkung auf die Anfälligkeit für Atemwegsinfekte (30), während die tägliche Gabe von 4000 IE Vitamin D3 über ein Jahr in der Studie von P Bergman et al. (2012) die Krankheitslast von Atemwegsinfektionen deutlich besserte (4). Vitamin D muss laut Hollis täglich verabreicht und ausreichend hoch dosiert werden, damit eine stabile Diffusion des Vitamins D3 dauerhaft gewährleistet ist. (19) Zur Höhe der Dosierung sagte er „Do not treat 10.000 IU/d as poison!“ (10.000 IE Vitamin D pro Tag sind kein Gift.)

Dass einmalige Höchstdosisgaben aufgrund der geringen Halbwertszeit nicht nur nutzlos sind, sondern auch Risiken beinhalten, zeigte die Studie von KM Sanders et al. (2010), in der 500.000 IE Vitamin D einmal pro Jahr älteren Frauen zur Sturz- und Frakturprophylaxe gegeben wurden. Nach fünfjähriger Behandlung zeigte sich, dass in der Vitamin D-Gruppe das Sturzrisiko um 15 Prozent und das Frakturrisiko um 26 Prozent höher waren als in der Placebogruppe.(33)

Vitamin D und Herz

Den Nutzen der Vitamin D-Supplementierung für die Herzgesundheit zeigt eine an der Queen Margaret University in Edinburgh/Großbritannien durchgeführte Studie. Sie wurde auf der Jahreskonferenz der Gesellschaft für Endokrinologie in Edinburgh (Großbritannien) im November 2015 vorgestellt.(29). Untersucht wurde die Wirkung von täglich 2000 IE Vitamin D auf kardiovaskuläre Risikofaktoren, im Urin enthaltenes freies Cortisol und die körperliche Leistungsfähigkeit. Von den 13 gesunden Studienteilnehmern erhielten acht 2000 IE Vitamin D3 täglich über die Dauer von 14 Tagen, fünf Studienteilnehmer erhielten Placebo. In der Vitamin D-Gruppe nahmen der systolische und diastolische Blutdruck ab: von 114,64+16,41 auf 105,41+11,12 mmHg (p=0,022) und von 78,58+12,65 auf 66,25+11,69 mmHg (p=0,014). Das freie Cortisol im Urin sank signifikant von 162,59+58,9 auf 96,4+37,25 nmol pro Tag (p=0,044) und das Verhältnis Cortisol zu Cortison verbesserte sich von 2,22+0,7 auf 1,04+0,42 (p=0,017). Außerdem nahm die körperliche Leistungsfähigkeit zu, in 20 Minuten radelten die Teilnehmer 6,51+2,28 km statt 4,98+2,65 km vor Studienbeginn. In der Placebogruppe wurden keine Veränderungen festgestellt.

Das blutdrucksenkende Potenzial von Vitamin D demonstrierte die vierarmige, doppelblinde Studie von JP Forman et al. (2013).(11) 283 Afro-Amerikaner erhielten über drei Monate 1000, 2000 oder 4000 IE Vitamin D3 pro Tag oder Placebo. Bekanntermaßen haben Afro-Amerikaner häufig einen Hypertonus. Systolischer und diastolischer Blutdruck wurden zu Studienbeginn, nach drei und nach sechs Monaten gemessen. Während der systolische Blutdruck in der Placebogruppe in der dreimonatigen Intervention um 1,7 mmHg anstieg, fiel er im gleichen Zeitraum unter der täglichen Gabe von 1000 IE Vitamin D um 0,66 mmHG, von 2000 IE um 3,4 mmHg und von 4000 IE um 4,0 mmHg. Jede Erhöhung der Vitamin D3-Spiegel im Blut um 1 ng/ml führte zu einer signifikanten Senkung des systolischen Blutdrucks um 0,2 mmHg (p=0,029). Vitamin D3 zeigte in dieser Studie keine Wirkung auf den diastolischen Blutdruck.

Über welche bekannten Mechanismen Vitamin D für die Herzgesundheit sorgt, fasste MF Holick (2008) folgendermaßen zusammen: Es ist evident, dass Vitamin D bei der Kontrolle des Blutdrucks und dem Abwenden von Gefäßschäden eine Rolle spielt.(17) Das antihypertensive Potenzial von Vitamin D wurde von Y Li et al. (2002) damit erklärt, dass Calcitriol [1,25 (OH)2 D3] die Renin-Produktion senkt.(23) Die protektive Wirkung vor Arteriosklerose und Herzinsuffizienz wurde damit erklärt, dass Vitamin D3 die Proliferation von myokardialen und vaskulären glatten Muskelzellen reduziert.(17)

Vitamin D und Krebs

Epidemiologische Studien stellten einen Zusammenhang zwischen Vitamin D3-Mangel und Krebserkrankungen her. Mittlerweile bestätigten Tests und Interventionsstudien, dass Vitamin D3 vor Krebserkrankungen schützt und bei bestehenden Tumorerkrankungen das Tumorwachstum hemmt, indem es die Apoptose fördert, die Gefäßneubildung verringert und die Bildung von Rezidiven und Metastasen abschwächt. So konnte TCS Woo et al. (2005) zeigen, dass Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom unter Gabe von 2000 IE Vitamin D täglich erniedrigte oder stabile PSA-Spiegel (Prostata-spezifische Antigen-Spiegel) aufwiesen. Dieser Effekt hielt 21 Monate an. Die PSA-Verdopplungszeit hatte sich von 14,3 Monaten vor Vitamin D-Supplementierung auf 25 Monate unter Vitamin D3-Gabe erhöht.(40) Was die Studie von TCS Woo bereits nahelegte, wurde in der Studie von CF Garland et al. (2011) bestätigt. Für die Tumorprävention muss Vitamin D3 hochdosiert werden. In der Studie von CF Garland et al. war eine tägliche Einnahme von 4.000 bis 8.000 IE Vitamin D3 erforderlich und selbst Dosierungen bis zu 10.000 IE Vitamin D3 pro Tag lösten keine toxische Wirkung aus.(12). Aus früheren Studien war bekannt, dass für eine Krebs-präventive Wirkung 25 (OH)-D-Serumspiegel von 60 bis 80 ng/ml nötig seien. Wie schwierig solche Werte zu erreichen sind, zeigte die Studie von CF Garland et al. ebenfalls: Damit 97,5 Prozent der 3.667 Studienteilnehmer auch nur einen Vitamin-D3-Serumspiegel von 40 ng/ml erreichten, waren Dosierungen von 9.600 IE pro Tag notwendig. Die Studienautoren gehen sogar davon aus, dass tägliche Gaben von bis zu 40.000 IE keine toxische Wirkung hätten.

Nachdem in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts festgestellt wurde, dass bei Krebszellen, die über einen Vitamin D-Rezeptor verfügten, Calcitriol [1,25 (OH)2 D3] lokal über parakrine und autokrine Mechanismen die Zellproliferation hemmt und die Zellreifung induziert, wurden zahlreiche Gene entdeckt, die durch Interaktion mit Vitamin D3 Differenzierung, Apoptose und Angiogenese beeinflussen.(17) Eine neue Funktion des Vitamins D3 zum Schutz vor Krebserkrankungen hat ein Forscherteam der Universitätsmedizin Göttingen zusammen mit Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums München entdeckt. Calcitriol, die hormonell aktive Form von Vitamin D3, blockiert die Aktivierung des Hedgehog-Signalweges. Dieser Signalweg führt bei übermäßiger Aktivierung oder Entgleisung zu unterschiedlichen Krebserkrankungen wie Haut-, Gehirn- oder Muskeltumoren.(24,32)

Vitamin D und Diabetes mellitus

Die Vitamin-D-Konzentration hat sowohl Einfluss auf das Risiko für Diabetes mellitus Typ 1 (T1DM) wie auch für Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM). So belegen Untersuchungen zur Vitamin D3-Supplementierung während der Schwangerschaft (27) und frühen Kindheit (42) ein verringertes Risiko für das Auftreten von T1DM. In einer Kohorte von 10.366 Kindern führte die Supplementierung mit Vitamin D3 Tagesdosen von 2.000 IE im Vergleich zu niedrigeren Dosen zu einer Senkung des Risikos für die Entstehung von T1DM um fast 90 Prozent.(20). Die finnische Studie konnte damit zeigen, dass eine optimale Vitamin D-Versorgung in der Kindheit das Diabetes-Risiko drastisch senken kann: Zum gleichen Schluss kam auch eine entsprechende Meta-Studie.(42)

Mittlerweile liegen auch erste Ergebnisse aus randomisierten Kontrollstudien vor. Eine an der Kinderklinik der indischen JIPMER-Universität durchgeführte Studie (RCT) mit 2014 aufgenommenen T1DM-Patienten ging der Frage nach, ob eine adjuvante Hochdosis-Vitamin D-Supplementierung die Zerstörung der Betazellen durch körpereigene Antikörper abmildern kann.(35) Ein Vitamin D-Mangel wurde zu Studienbeginn bei 63,5 Prozent der 52 Probanden (Alter 1 bis 18 Jahre) festgestellt. Über einen Zeitraum von sechs Monaten erhielten die in zwei Gruppen randomisierten Patienten entweder Insulin plus Vitamin D3 (oral 120.000 IE/Monat) oder nur Insulin. Bei den Follow-ups nach drei und sechs Monaten waren die HbA1c-Werte in der Vitamin D-Gruppe signifikant erniedrigt im Vergleich zur Kontrollgruppe (p<0,05). Bei Studienende waren die Durchschnittswerte der C-Peptide in der Vitamin D-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöht (p<0,05), während sich für die für den Diabetes mellitus Typ 1 spezifischen Glutamat-Decarboxylase-Antikörper (GAD65) keine Unterschiede feststellen ließen. Nebenwirkungen der adjuvanten Hochdosis-Vitamin D-Therapie wurden nicht berichtet. Die Supplementierung von hochdosiertem Vitamin D bei T1DM ist für die Studienautoren damit ein vielversprechender neuer Ansatz zur Optimierung der Diabetes-Therapie: Sie sei sicher, bremse den Verlust der Betazellen-Funktion und verbessere so die glykämische Kontrolle.

Vitamin D bei atopischer Dermatitis

Atopische Dermatitis (AD) und Vitamin-D-Mangel werden in einigen Studien in Verbindung gebracht. Dabei wird ein Mangel an Vitamin D als Faktor für die gestörte Barrierefunktion der Haut, die Dysregulation der adaptiven Immunantwort und die inadäquate bakterielle Abwehr diskutiert.(34)

In einer Studie der University of California (14) wurde nachgewiesen, dass Vitamin D3 bei AD-Patienten die Bildung von Cathelicidinen deutlich erhöht. Diese antimikrobiellen Peptide schützen die Haut vor Infektionen. Ihre Bildung ist bei Neurodermitis-Patienten stark vermindert, was das häufige Auftreten von Hautinfektionen in dieser Patientengruppe erklärt. 14 Patienten mit atopischer Dermatitis und 14 Kontrollpersonen erhielten über einen Zeitraum von 21 Tagen 4000 IE Vitamin D3 täglich. Zu Beginn und nach drei Wochen wurden Biopsien der Haut vorgenommen. Es konnte nachgewiesen werden, dass es durch die Einnahme von Vitamin D zu einem starken Anstieg der Cathelicidin-Produktion in der Haut der AD-Patienten kam.

Iranische Wissenschaftler um M. Amestejani haben eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zur Wirkung von Vitamin D bei Patienten mit atopischer Dermatitis durchgeführt.(1) Dazu ordneten sie 60 Studienteilnehmer mit atopischer Dermatitis zwei Gruppen zu. 30 Patienten erhielten 60 Tage lang 1600 IE Vitamin D3 (Cholecalciferol) pro Tag, die Kontrollgruppe Placebo. Der Schweregrad der atopischen Dermatitis wurde mittels SCORAD (Scoring Atopic Dermatitis) und TIS (Three Item Severity score) vor Studienbeginn und nach Studienende ermittelt. Während die Patienten in der Verumgruppe eine signifikante Verbesserung (p<0.05) ihrer Hauterkrankung unabhängig vom Schweregrad erlebten, erreichte die Kontrollgruppe keine solche Verbesserung (p>0.05). Die Autoren schlussfolgern, dass die orale Gabe von Vitamin D3 den Schweregrad der atopischen Dermatitis drastisch verbessert.

Vitamin D und Infekte

Für die Infektiologie ist das antiinflammatorische und immunmodulierende Potenzial von Vitamin D3 von Interesse. Mehrere Studien belegen die Wirksamkeit von Vitamin D3 sowohl bei bakteriellen als auch viralen Infektionen. Vitamin D3 (Calcitriol) moduliert das Immunsystem, indem es die übermäßige Expression von inflammatorischen Zytokinen hemmt und das respiratorische Burst-Potenzial von Makrophagen verstärkt.(5) Wichtig für die Infektabwehr: Calcitriol stimuliert die Expression von antimikrobiellen Peptiden in den Neutrophilen, Monozyten, natürlichen Killerzellen und Epithelzellen, die den Atemwegstrakt besiedeln und dem Schutz der Lunge vor Infektionen dienen.

Mit sinkenden 25-(OH)-Vitamin D3-Serumwerten (Calcidiol) steigt das Risiko für Infektionen der oberen Atemwege. Das zeigte eine Auswertung der 3. Nationalen Gesundheits- und Ernährungsstudie in den USA. Demnach war das Risiko für Infektionen der oberen Atemwege 24 Prozent bei 25-(OH)-Vitamin D3-Werten < 10 ng/ml. Bei Calcidiol-Spiegeln zwischen 10 und 30 ng/ml betrug das Infektionsrisiko noch 20 Prozent und bei Werten über 30 ng/ml 17 Prozent.(13) Eine prospektive, verblindete, randomisierte italienische Studie mit 116 Kindern zeigte, dass bei Vitamin D3-Spiegeln unter 30 ng/ml Mittelohrentzündungen häufiger auftraten als bei Werten über 30 ng/ml.(26) Auch bei Menschen, die häufig unter Atemwegsinfekten leiden, hat Vitamin D3 eine präventive Wirkung. In einer randomisierten, doppelblinden Interventionsstudie senkte die tägliche Gabe von 4.000 IE die Krankheitslast signifikant.(4). Ein ähnliches Bild ergibt sich für Patienten mit Asthma und COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease). So führte in einer Studie mit 927 Patienten, 600 davon mit obstruktiven Atemwegserkrankungen und 25-OH-Vitamin D-Ausgangswerten im Mittel von 16,1 ng/ml, die kurzfristige Substitution mit hochdosiertem Vitamin D3 bei über 80 Prozent zu einer deutlichen Verbesserung der Infektproblematik.(36)

Vitamin D in der Schwangerschaft

Viele schwangere und stillende Frauen sind nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt. Für Deutschland weist eine Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen gravierende Versorgungsmängel bei Schwangeren nicht nur in den Wintermonaten nach.(41) Ausreichend Vitamin D fördert einen regulären Schwangerschaftsverlauf und unterstützt das fetale Wachstum.(28)

Die Studienlage zur Supplementierung von Vitamin D in der Schwangerschaft ist widersprüchlich. Gründe für die unterschiedlichen Ergebnisse werden u.a. in den zu niedrigen Dosierungen von Vitamin D gesehen. Wie die doppelblinde, randomisierte Studie von Hollis zeigte, konnte erst die Gabe von 4.000 IE Vitamin D täglich ab der 12. bzw. 16 Schwangerschaftswoche den Vitamin D-Spiegel bei Mutter und Kind auf die wünschenswerte Höhe von 80 nmol/l bringen.(18). Die Supplementierung mit 4.000 IE Vitamin D pro Tag war dabei sicher und senkte die Rate an Frühgeburten um 50 Prozent.(18) Des Weiteren traten 30 Prozent weniger Infektionen in der Schwangerschaft auf, die Inzidenz von Diabetes, Bluthochdruck und Präeklampsie war ebenfalls um 30 Prozent reduziert. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Forscher der Medizinischen Universität von South Carolina: Sie gaben 300 schwangeren Frauen 400, 2000 oder 4000 IE Vitamin D3 täglich. In keiner Gruppe wurden Nebenwirkungen festgestellt. Die Frauen mit der höchsten Vitamin D-Einnahme hatten jedoch ein signifikant verringertes Risiko für Kaiserschnittgeburten und Präeklampsie.(39)

Vitamin D und Depression

Vitamin D-Rezeptoren finden sich auch im cingulären Kortex und im Hippocampus. Ihnen wird bei der Pathophysiologie der Depression eine entscheidende Bedeutung beigemessen.(10) Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass die Vitamin D-Spiegel von depressiven Patienten meist niedriger sind als die von nicht-depressiven Patienten. Ein Zusammenhang zwischen Vitamin D und Depression erscheint daher plausibel. Eine Metaanalyse von Kohortenstudien (2) ergab einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen erhöhtem Depressionsrisiko und niedrigen Vitamin D-Werten (Hazard Rate = 2,21, 95% CI 1,40–3,49). Bekannt ist auch ein Zusammenhang zwischen dem 25-OH-D-Wert und der Schwere der Depression.(3) In einer britischen Kohortenstudie reduzierten 25-OH-D-Spiegel von mindestens 50 und höchstens 85 nmol/l das Depressionsrisiko im mittleren Lebensalter.(25) Kleinere Interventionsstudien unterstützen einen kausalen Zusammenhang zwischen einem Vitamin D-Mangel und Depression: In einer Studie mit depressiven, übergewichtigen Patienten, die über ein Jahr entweder 20.000 IE, 40.000 IE Vitamin D oder ein Placebo pro Woche bekamen, kam es unter der Vitamin D-Supplementierung zu einer signifikanten Verbesserung der Depressionssymptomatik.(21)

Auch andere Interventionsstudien konnten diese positiven Ergebnisse für den therapeutischen Einsatz von Vitamin D bei Depressionen bestätigen.(9, 22)

Welche Dosis genau nötig ist, um eine präventive oder therapeutische Wirkung zu entfalten, ist derzeit nicht geklärt. Jedoch sollte durch eine Supplementierung (pro 100 IE Vitamin D steigt der 25-OH-D-Spiegel um 2,5 nmol/l an) ein Blutspiegel von mindestens 30 ng/ml erreicht werden. Es sind wahrscheinlich Dosierungen von 3000 bis 4000 IE notwendig, um den 25-OH-D-Spiegel um 5 ng/ml zu erhöhen, und von 5000 IE und mehr, um ihn um 12 ng/ml anzuheben.(15)

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Individuelle Therapiekonzepte für die naturheilkundliche Praxis

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